14. März 2017

Literatur

Arbor vitae

unter der Rinde
die Schatten der Nächte
weben
eingeritzt in die Borke
wie in die Haut
Ängste
vergangener Zeiten
reissen Wunden auf
doch
manchmal wachsen
uns Flügel.


Ein-Tag-Meer

In meiner Hand
Muschel
rauschen die Stunden
eingefangen
wie Lichter
über der See
im Spiegel
mein Schaumkleid
bestickt
mit deinen Worten
kein Lachen
nur dieses Rauschen
aus deinem
in meinen Kopf.


Vernetzt

Dein Gesicht
in meiner Bildschirmidylle

kein Umfassen
kein Sonntagsessen
Sprachblasen-Kauderwelsch
füllt den hungrigen Mund

3-D-Darstellung mit Mausklick
zwanzig Jahre jünger
mit rauchig eingefärbter Stimme
den Busen vergrößert

elektronische Küsse getauscht
in Sicherheitsnetzen gefangen
im ausgedehnten Raum
bis zum Fudschijama

dort stürzen meine Gedanken
ungeschützt
in die Kamera

Einladung zum Tausch von Pheromonen
aus unrasierten Achselzonen.


Ausschnitt aus „Ein oder sieben Leben“
aus dem Buch „Neue Beine für Schneeweisschen, einhard Verlag Aachen:

…Der junge Krankenhausarzt hatte auch Wasseraugen. „Es kann eine
Entzündung sein“, sagte er. „Eine, die wir gut behandeln können. Wenn es ein
Tumor ist, ist er womöglich gutartig oder gut zu operieren. Sie wollen es doch
auch wissen, sonst wären Sie doch nicht gekommen?“
Nach allen Untersuchungen drückte er mir die Ergebnisse in die Hand. Ich
steckte den Brief mit dem Befund in die Handtasche. Der Brief war leicht, aber
die Nachricht darin war schwer wie ein Eichensarg mit vollem Blumenschmuck
und bronzenem Beschlag. Der junge Arzt sah mich an, als habe der
Sensenmann schon zugeschlagen. „Nach Ihrem Urlaub müssen wir aber gleich
operieren, es ist schon eilig, das wissen Sie sicher.“
Unter der Liege ertönt wieder ein klagender Laut. Bin ich es, die da klagt, bin
ich die kranke Katze? „Hast du wirklich sieben Leben?“, frage ich das räudige
Tier. Wie viele Jahre habe ich noch? Ich habe niemandem etwas gesagt, bin
einfach abgereist. Die Katze ist jetzt stumm, vielleicht hört sie mir zu. Der Typ
mit der grünen Badehose ist hinter der Hecke verschwunden, also bekommt die
Katze eine Geschichte zu hören:…


Ausschnitt aus „Sakrament im Badezimmer“
aus dem Buch „Neue Beine für Schneeweisschen (einhard Verlag Aachen)
und der Anthologie „Menschlichkeit zuerst“ des Burgenländischen Forums
gegen Gewalt:

…War das eine Bewegung auf der Liege? Sie sieht sich das Tuch an, die Frau
liegt unverändert still, der Atem ist kaum wahrnehmbar.
Was war das, was sie wahrgenommen hat, ich spinne doch nicht oder sehe
ich schon Geister. Sie zieht das Betttuch ordentlich glatt, setzt sich in gleicher
Position auf den Stuhl und bewegt wie vorhin den Oberkörper über das iPhone,
jetzt sieht sie es wieder, durch die Bewegung fällt ein Schatten genau über
das Betttuch, „mein Schatten über dem Leichentuch“, denkt sie. Gertrud
Winter, heißt die Sterbende, es steht auf dem Band, das die alte Frau um
ihren Fußknöchel trägt, 90 Jahre ist sie alt. „Ob ich auch mal so alt werde und
dann allein im Badezimmer sterben muß?“ Sie öffnet den Zopf der alten
Frau, legt die grauen Haare fächerförmig auf das Kopfende der Liege.
„Gertrud, Gertie, Trude“ ruft sie, nimmt den Patientenkamm aus der
Kitteltasche und kämmt ihr das Haar, sicher ist sie eine treue Ehefrau und
liebende Mutter gewesen. Der Pastor kann dir die letzten Sakramente nicht
rechtzeitig bringen und ich verstehe nichts davon. „Oma“, sagt sie, so als
würde sie zur eigenen Großmutter sprechen, „Omi, Gertrud“. Die alte Frau
bewegt sich nicht aber ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln, „Oma, Omi,“
ruft sie ihr ins Ohr, ich gebe dir den Segen. „Sie geht zum Wasserhahn,
hält eine Hand darunter, dann lässt sie einige Tropfen auf die Stirn
der alten Frau fallen,…